Das Equine Metabolische Syndrom – Hilfe, mein Pferd ist zu dick!?

Das Equine Metabolische Syndrom – Hilfe, mein Pferd ist zu dick!?

Was Übergewicht beim Pferd bedeutet, das weiß jeder: Das Pferd ist zu dick, der Körperfettanteil ist zu hoch. Ab einem gewissen Grad spricht man medizinisch von Adipositas. Das ist der Fachbegriff für krankhaftes Übergewicht.
 

Doch was ist eigentlich das Equine Metabolische Syndrom (EMS)?

EMS ist keine Erkrankung per se. Das Syndrom fasst Risikofaktoren zusammen, die zu einer stoffwechselbedingten Hufrehe führen können. Eine zentrale Rolle bei dieser Form der Hufrehe spielt die sogenannte Insulindysregulation. Übergewicht kann zu einer Insulindysregulation führen, da es sich bei Körperfett um Gewebe handelt, das Hormone produziert und so den Stoffwechsel beeinflusst.
Aber: Auch schlanke Pferde können eine Insulindysregulation haben und sind dann genauso gefährdet.
 

Was hat Hufrehe mit dem Insulinspiegel des Pferdes zu tun?

Insulin ist ein wichtiges Hormon, das unter anderem den Blutzuckerspiegel reguliert. Steigt der Blutzucker nach einer Mahlzeit an, schüttet die Bauchspeicheldrüse Insulin aus. Das Hormon „öffnet“ die Zellen, sodass der Zucker aus dem Blut hineingelangen und als Energiequelle dienen kann.

Pferde mit einer Insulindysregulation haben zeitweise oder dauerhaft erhöhte Insulinspiegel im Blut im Vergleich zu Pferden mit einem gesunden Stoffwechsel. Man spricht von einer Hyperinsulinämie. Zu ihr kommt es, wenn die Bauchspeicheldrüse zu viel Insulin ausschüttet oder wenn die Körperzellen sich nicht mehr so leicht „aufschließen“ lassen. Dann spricht man von einer Insulinresistenz. Es können auch beide Ursachen gleichzeitig auftreten. Der Körper merkt: Mein Insulin wirkt nicht gut – und schüttet immer mehr aus.

Zu viel Insulin im Blut ist eine Gefahr für die Huflederhaut: Der genaue Mechanismus auf Zellebene ist zwar bis heute nicht vollständig geklärt, doch gilt als gesichert, dass die Hyperinsulinämie Auslöser der Prozesse in der Lederhaut ist, die zur hormonell bedingten Hufrehe und ihren Folgen führen. Gleichzeitig ist die hormonell bedingte Hufrehe die häufigste Form der Hufrehe: Man geht davon aus, dass rund 90 Prozent aller Hufrehefälle durch eine Hyperinsulinämie ausgelöst werden. Vergiftungs- und Belastungsrehen machen dagegen nur einen Bruchteil der Fälle aus und verlaufen klinisch anders.
 

Rund ist nicht gesund: Adipositas beim Pferd hat viele Folgen

Gerade bei leichtfuttrigen Pferden ist es schnell passiert: Ein paar Stunden Weidegang im Sommer, eine Trainingspause, eine großzügigere Fütterung von Rau- oder Kraftfutter, und schon geht der Sattelgurt kaum noch zu. Die Waage zeigt: Oh je, mein Pferd hat zugenommen. Rippen tasten? Fehlanzeige!

Neben dem gut gefüllten „Weidebauch“ zeigen sich prominente Fettpolster an Stellen wie dem Mähnenkamm, hinter der Schulter und auf der Kruppe. Vielleicht auch über den Augen, um die Lende oder an Euter und Schlauchtasche. Hinweise, dass ein Equines Metabolisches Syndrom (kurz: EMS) mit Insulindysregulation vorliegen könnte. Ist das der Fall, bedeutet das ein hohes Hufreherisiko.
 

Welche Diagnostik gibt es bei EMS?

Ist mein Pferd „nur“ zu dick oder hat es auch eine Insulindysregulation? Diese Frage stellen sich viele Pferdebesitzer. Ob das Pferd zu dick ist, lässt sich leicht über den Body Condition Score ermitteln. Über Bluttests kann man auch herausfinden, ob eine Störung des Insulinstoffwechsels als Risikofaktor für Hufrehe vorliegt. Zuhause im Stall kann man das Basalinsulin messen. Ist dieser Wert erhöht, liegt sehr sicher eine Insulindysregulation vor.

Das Tückische: Ein niedriger Wert bedeutet nicht, dass alles in Ordnung ist. Ein Wert im Normalbereich schließt eine Insulindysregulation nicht aus, der Test “funktioniert” also nur für die Bestätigung des Verdachts, nicht für den Ausschluss. Sogenannte dynamische Tests, bei denen der Insulinwert vor und nach Kohlenhydratzufuhr gemessen wird, sind hier aussagekräftiger. Aufgrund des höheren Aufwandes sind sie in der Regel nur in der Klinik durchführbar.

Auch wenn es interessant ist zu wissen, ob eine Störung des Insulinstoffwechsels vorliegt oder nicht: Das Management unterscheidet sich eigentlich nicht. Diät und Training sind sowohl bei einem Pferd, das „nur“ zu dick ist, als auch bei einem Pferd mit Insulindysregulation der Schlüssel.
 

Wie kannst du Hufrehe vorbeugen?

Bisher gibt es für Pferde keine zugelassenen Medikamente, die gegen Übergewicht helfen oder den Insulinspiegel senken. Um Hufrehe vorzubeugen, ist daher die Umstellung des Managements auf eine ausgewogene Ernährung und viel Bewegung deines Pferdes das A und O. Die gute Nachricht ist: Jedes Pferd kann abnehmen und sein Idealgewicht erreichen. Die ehrliche Nachricht ist: Es erfordert viel Durchhalten – bei Pferd und Mensch. Ein Pferd kann leicht 50, 100 oder sogar 150 kg zu viel Körperfett auf den Rippen haben. Eine gesunde und nachhaltige Gewichtsreduktion nimmt dann viele Monate in Anspruch. Doch wo ansetzen? Das erfährst du im nächsten Abschnitt.
 

Die richtige Fütterung von übergewichtigen Pferden

Die Basis bildet immer Raufutter

Pferde brauchen in erster Linie ausreichend Raufutter – auch dann, wenn sie zu dick sind. Wenigstens 1,5 kg Raufutter pro 100 kg Idealgewicht sollten sie pro Tag aufnehmen dürfen. Das Problem: Hierzulande ist unser Heu oft energiereich. Manche Pferde sind so leichtfuttrig, dass bereits 1,5 kg Heu pro 100 kg Idealgewicht den Erhaltungsbedarf an Energie überschreiten können. Das trifft vor allem auf Kleinpferde robuster Rassen wie Haflinger, Isländer, Fjordpferde, Welsh Cobs oder Tinker zu. Wenn es das Pferd verträgt, kann man bis zu einem Drittel des Heus durch Futterstroh ersetzen, um Energie einzusparen. Dadurch sinkt auch der Gehalt an leichtverdaulichen Kohlenhydraten in der Ration. Da manche Pferde auf Strohfütterung mit Verstopfung reagieren, sollte man vorsichtig damit beginnen und die Kotqualität gut im Auge behalten.
 

Wie wichtig ist die Eiweißversorgung bei dicken Pferden?

Durch das sich verändernde Klima ist die Heurationierung heute oft nicht mehr so einfach wie früher. Das liegt daran, dass die Wiesen mehr Trocken- und Hitzestress ausgesetzt sind. Als Folge bilden die Gräser mehr Kohlenhydrate („Zucker“) und weniger Proteine (Eiweiße). Dadurch kann es gerade bei einem Heu-Stroh-Gemisch schnell passieren, dass der Eiweißbedarf nicht mehr gedeckt ist. Belässt man die Ration so, baut das Pferd viel Muskelmasse ab, um das Eiweißdefizit auszugleichen. Das gilt es zu vermeiden, denn: Muskulatur verbrennt auch in Ruhe Energie und eine gut trainierte Muskulatur kann den Insulinstoffwechsel sogar verbessern.

In der Fütterungspraxis sehen wir oft, dass eine ausreichende Versorgung mit Eiweiß und Eiweißbausteinen (Aminosäuren) nicht gegeben ist, da Pferdebesitzer Angst davor haben, dass Eiweiß Hufrehe auslösen könnte. Früher dachte man das auch, allerdings weiß man heute, dass vor allem eine Überfütterung mit leichtverdaulichen Kohlenhydraten den Insulinspiegel in die Höhe schießen lässt und so zur Hufrehe führt. Es ist zwar so, dass Pferde mit Insulindysregulation auch auf die Eiweißfütterung mit einer höheren Insulinausschüttung reagieren als gesunde Pferde, aber bei weitem nicht vergleichbar mit den Insulinwerten nach einer kohlenhydratreichen Fütterung.

Daher gilt: Eiweiß mit hoher Eiweißqualität und möglichst nah am Bedarf füttern. Ob und welche Eiweißquelle ergänzt wird, sollte man über eine Rationsberechnung ermitteln. Mehr Eiweiß kann zum Beispiel in Form von Grummet (2. Schnitt Heu), Teffgras, Luzerne, Bierhefe oder Soja in die Ration eingebunden werden. Auch die gezielte Fütterung von Aminosäuren wie Threonin, Lysin oder Methionin kann mitunter schon ausreichend sein.
 

Mikronährstoffe nicht vergessen: Spurenelemente und Vitamine

Kürzt man die Futtermenge, sinkt auch der Nährstoffgehalt der Ration. Damit trotz Diät keine Nährstoffmängel auftreten, sollte die Ration ein Mineralfutter um wichtige Spurenelemente und Vitamine ergänzen. Im Heu sind meistens Zink, Kupfer, Selen und Jod zu knapp. Da Weidegang als Raufutterquelle für die meisten übergewichtigen Pferde nicht empfehlenswert ist, sollte man auch an die fettlöslichen Vitamine denken – allen voran Vitamin E, aber auch Vitamin A und D.
 

Kraftfutter und Weide – Wirklich immer tabu bei übergewichtigen Pferden?

Übergewichtige Pferde sollten kein Kraftfutter bekommen und idealerweise auch nicht auf die Weide gehen, sofern die Aufnahme nicht durch eine strenge Portionsweide oder eine gutsitzende Fressbremse zu überwachen ist. Die reine Reduktion der Weidezeit auf ein bis zwei Stunden hat meist keinen Effekt: Die Pferde fressen dann schneller, was das Hufreherisiko sogar erhöhen kann. 
Haflinger mit breiter Blässe steht am Zaun.
Aber: Nicht jedes Pferd mit EMS ist dick. Es gibt schlanke Pferde, die eine Insulindysregulation haben. Werden diese Pferde sportlich intensiver gefordert, reicht Heu zwar bei vielen aber nicht bei jedem Pferd aus, um den Energiebedarf zu decken. Dann können fett-faser-basierte Kraftfutter ohne Getreide (z.B. Spitzenreiter Magenmüsli) und Öle als Energiequellen (z.B. Omega3 Pur) dienen. Denn Fett ist der reichhaltigste Energieträger und löst gleichzeitig keine Insulinantwort aus – ideal auch für stoffwechselkranke Pferde, um Abmagerung risikoarm entgegenzuwirken.

Ganz wichtig: Kraftfutter ist wirklich nur dann notwendig, wenn ein Pferd mit Raufutter allein sichtbar rippig wird. Tägliches Training per se macht noch kein Kraftfutter notwendig, solange das Pferd sein Idealgewicht hält.
 

Der Zuckergehalt im Raufutter – muss ich das Heu waschen?

In unseren Breiten liegt der Gehalt an Nicht-Struktur-Kohlenhydraten (=Zucker + Fruktan + Stärke) oft deutlich über den für stoffwechselerkrankte Pferde empfohlenen 10 Prozent. Theoretisch kann man den Gehalt senken, indem man das Heu einige Zeit in Wasser tränkt und so wasserlösliche Zucker und Fruktane teils auswäscht. Das Problem ist, dass diese Maßnahme sehr aufwändig und anfällig für hygienische Mängel ist, wenn das nasse Heu nicht direkt verfüttert wird oder die Qualität schon vor dem Einweichen nicht optimal war.
 
Oft ist es praktikabler, das Heu mit Stroh oder alternativen Raufuttersorten wie Teffgras, Luzerne, Grünhafer oder Lieschgras zu mischen, da diese deutlich kohlenhydratärmer sind. Aus unserem Sortiment kommen z.B. unsere Teffcobs, Luzernecobs, Myo Protein Flakes oder Grünhafercobs infrage.
 
Bei der Entscheidung spielt auch eine Rolle, ob das Pferd schon Hufrehe hat oder nicht. Während des Schubs ist das Waschen des Heus sinnvoll, wenn es keine kohlenhydratärmere Alternative zum zuckerreichen Heu gibt oder die Krankheitssymptome trotz Therapie bestehen bleiben. Die Rationsgestaltung sollte hier immer in enger Absprache mit dem Tierarzt erfolgen und professionell diätetisch berechnet werden.
 

Was kannst du tun, um das Übergewicht deines (EMS-) Pferdes zu reduzieren?

Bewegung kann zwar keine gezielte Diät ersetzen, dennoch gehört sie unbedingt zum Management dicker und hufrehe-gefährdeter Pferde. Training allein führt in der Regel nicht zur Gewichtsreduktion, aber es kann die entgleiste Stoffwechsellage verbessern. Vor allem durch Ausdauertraining lässt sich die Insulinwirkung an den Zellen verbessern – das kann den Insulinspiegel im Blut senken und so das Hufrehe-Risiko minimieren.
 
Die Empfehlung des European College of Equine Internal Medicine (ECEIM) liegt bei mindestens fünfmal pro Woche je 30 Minuten Training mit moderater Intensität. Das Ziel sollte ein Pulsbereich von ungefähr 130 bis 170 Schlägen pro Minute sein – in der Praxis ohne Pulsmessung ist es oft schon ein gutes Ziel, sich von 10–15 Minuten Trab mit 1–2 Minuten Galopp beim untrainierten Pferd zu 20 Minuten Trab und 10 Minuten Galopp zu steigern.
 
Bei Pferden, die sich gerade erst von der Hufrehe erholen, sind die Hufe noch nicht belastbar genug für solch ein Pensum. Ist das Pferd lahmfrei und trägt einen guten Hufschutz, kann man von ausgedehnten Spaziergängen (60–120 Minuten) zu sich steigernden Trabreprisen übergehen. Nach einiger Zeit sind bei bestehender Lahmfreiheit dreimal wöchentlich flottere Trabreprisen mit etwas Galopp ohne Reitergewicht ein realistisches Ziel.

Der Abnehmplan für dein Pferd – So gehst du Schritt für Schritt vor: 

Wie kannst du diese Erkenntnisse nun in die Praxis umsetzen? So kannst du strukturiert vorgehen und das Übergewicht deines Pferdes reduzieren:
 

Schritt 1: Den Ist-Zustand beurteilen

  • Body Condition Score bestimmten
  • Fotos von der Seite und von hinten machen
  • Alle Futtermittel genau wiegen (möglichst auch das Heu)
  • Im Idealfall auch das Pferd wiegen
  • Das anzustrebende Idealgewicht schätzen
 

Schritt 2: Die Fütterung anpassen

Wir unterstützen dich gerne im Rahmen unserer Fütterungsberatung.
 
  • Bedarf kalkulieren
  • Passende Raufutterkombination finden
  • Mikronährstoffe und ggf. Eiweiß gezielt zur Kalkulation passend ergänzen
  • Die Ration langsam auf die neu berechnete umstellen
  • Fresspausen klug minimieren: Einsatz von Automaten, Heunetzen und Slowfeedern
  

Schritt 3: Das Training anpassen

  • Ist-Zustand einschätzen: Wie viel trainieren wir aktuell wirklich?
  • Einen Trainingsplan erstellen
  • Das Pferd genau beobachten: Ist es über- oder unterfordert?
  • Hufschutz nicht vergessen!
  

Schritt 4: Den Fortschritt dokumentieren

  • Etwa eine Woche nach der Futterumstellung: Bauchumfang wöchentlich messen; ca. 1–1,5 cm weniger pro Woche sind realistisch
  • Monatlich neue Fotos machen: Sieht man einen Unterschied
  • Wenn möglich: regelmäßig wiegen. Ein Gewichtsverlust von 0,5–1 % pro Woche ist optimal
 

Schritt 5: Dranbleiben und bei Bedarf justieren!

  • Abnehmen ist ein Marathon und kein Sprint!
  • Leichtfuttrige Pferde müssen ein Leben lang rationiert gefüttert und ausreichend bewegt werden
  • Verliert dein Pferd trotz Diät und Training kein Gewicht? Wir helfen dir gerne, dein Management zu überprüfen und anzupassen. Hier gehts zur Futterberatung.

Dr. Celina Hofmann, Tierärztin
Beratung, Forschung und Entwicklung
September 2026 ©, AGROBS® GmbH & Co. KG

Quellen:
  • Coenen, M., Veruert I. (2020): Pferdefütterung. Georg Thieme Verlag KG, Stuttgart
  • Geor, R.J.; Harris, P.A.; Coenen, M. (2013): Equine Applied and Clinical Nutrition: Health, Welfare and Performance. Saunders Elsevier.
  • Durham, A. E., Frank, N., McGowan, C. M., Menzies-Gow, N. J., Roelfsema, E., Vervuert, I., Feige, K., & Fey, K. (2019). ECEIM consensus statement on equine metabolic syndrome. Journal of veterinary internal medicine, 33(2), 335–349. https://doi.org/10.1111/jvim.15423