Die artgerechte Rehwildfütterung

Die Ansichten der Jäger und Förster über die Fütterung des Rehwildes divergieren mehr denn je. Beigetragen dazu haben maßgeblich die forstliche Kalamitätslage sowie die klimatische Veränderung, die über die Gegenwärtigkeit der Notzeit streiten lässt. Welche Argumente sprechen für eine Fütterung von Rehwild und welche Konsequenzen zieht eine Fütterung nach sich? Wie kann die richtige Fütterung zur Verringerung von Verbissschäden beitragen und welche Futtermittel sind dafür geeignet? Was benötigt der empfindliche Verdauungsapparat des Rehwildes in der Notzeit? Im Folgenden werden die verschiedenen Aspekte zum Thema der Rehwildfütterung auf Basis der Erkenntnissen von namenhaften Größen der Wildbiologie sowie wissenschaftlicher Studien erläutert. Ein Vorschlag zu einem möglichen Fütterungskonzept für das Rehwild folgt.
 

Gesunde Rehwildfütterung

Rehe müssen nicht unbedingt gefüttert werden. Wenn man sich dazu entscheidet, dann muss eine Fütterung art- und wiederkäuergerecht, zeitlich richtig, mit heimischen Futtermitteln bester Qualität und durchgehend stattfinden.“ (Deutz, abgerufen in 2020).

Der Anspruch an ein geeignetes Futtermittel ist deshalb hoch. Es muss gleichzeitig art- und wiederkäuergerecht, auf die Physiologie des Rehwildes abgestimmt und qualitativ hochwertig aus regionalen Rohstoffen bestehen. Anders als bei Kraftfuttermischungen, sollte das Augenmerk auf einen hohen Rohfasergehalt gelegt werden. Die Physiologie des Verdauungstraktes des Rehwildes ist optimal auf die natürlichen Gegebenheiten angepasst. Rehwild zählt bekanntermaßen zu den Wildwiederkäuern, das bedeutet, Äsung wird zerkaut, abgeschluckt und landet zunächst im Pansen, später folgen Netzmagen, Blätter- und Labmagen. Abhängig von der Zusammensetzung und der Größe der Futterpartikel wird ein Teil der aufgenommenen Nahrung nun wiedergekäut. Die Häufigkeit des Prozesses des Wiederkauens steigt dabei mit dem Anteil des Rohfasergehalts des Futtermittels. Je öfter wiedergekäut wird, desto mehr bicarbonatreicher Speichel wird abgeschluckt und landet im Pansen. Dieser ist dort aufgrund seiner basischen Eigenschaften relevant für die Erhaltung des Pansenmilieus und damit für die Gesundheit des Tieres. Der Speichel dient der Pufferung des pH-Wertes und verhindert somit ein zu starkes Absinken des pH-Wertes im Pansen. Anders als es bei Monogastrier der Fall ist, ist die Verdauung bei Wiederkäuern maßgeblich von Mikroorganismen abhängig. Diese spalten schwer verdauliche Kohlenhydrate, wie Zellulose, zu Fettsäuren (Acetat, Propionat, Butyrat) auf, welche anschließend von der Pansenschleimhaut resorbiert werden können und eine essenzielle Energiequelle in der Futterverwertung darstellen. Diese Eigenschaften des Verdauungstrakts beim Rehwild sind lebensnotwendig für eine erfolgreiche Ernährung. Zugleich stellt dies hohe Ansprüche an die gezielte Rehwildfütterung.
 

Die Fütterung

Eine Fütterung erweist sich grundsätzlich nur als indiziert, wenn das natürliche Nahrungsangebot durch einen saisonalen Nahrungsengpass reduziert wird. Das ist nur in der Notzeit der Fall. Notzeit ist weder gesetzlich definiert, noch eine meteorologische abhängige Zeitspanne, sondern handelt es sich um Beeinträchtigungen, die es dem Wild unmöglich machen, ausreichend natürliche Nahrung vorzufinden (Müller-Schallenberg, 2007). Das Bundesjagdgesetz sieht im Jagschutz auch den Schutz des Wildes vor Futternot vor (§23 Abs 5 BJagdG), modifiziert wird dies durch die jeweiligen Landesjagdgesetze. Für Bayern bedeutet dies konkret, dass der Revierinhaber in der Notzeit verpflichtet ist für eine angemessene Wildfütterung zu sorgen. Als missbräuchlich anzusehen ist eine Wildfütterung, wenn Futtermittel verwendet werden, die nicht den ernährungsphysiologischen Bedürfnissen der jeweiligen Wildart entsprechen, sowie eine Fütterung außerhalb der Notzeit (§ 23a AVBayJG, § 23a Abs. 2 Nr. 2). Pauschal gibt es also keinen definierten Zeitpunkt zum Einsatz der Fütterung. Erschwerend hinzu kommt die Verteilung des Rehwildes auf diffuse Klimazonen, da Rehwild sich sowohl in winterwarmen Klimazonen aufhält, als auch in Alpenregionen mit bedeutend längeren Winter- und Kälteperioden. Resultierend daraus gibt es verschiedene Ansätze, um den Zeitpunkt der Fütterung möglichst adaptiert an die Umweltverhältnisse zu bestimmen.
 

Häufiger Fehler: Probleme mit energiereichem Kraftfutter

Besteht das Futtermittel nun aus einem großen Kraftfutteranteil, dessen Hauptbestandteile Getreideprodukte sind, so werden diese kurzkettigen, stärkereichen Kohlenhydrate in kurzer Zeit zu einem hohen Anteil an Fettsäuren im Pansen fermentiert. In Kombination mit geringem Wiederkäuen, was bei dem strukturarmen Kraftfutter weniger notwendig ist, bedeutet dies ein deutliches Absinken des pH-Wertes im Pansen. Die basischen Mikroorganismen sterben ab und das empfindliche Gleichgewicht im Pansen kippt. Es kommt zur sogenannten Pansenazidose, der Übersäuerung des Pansens, bei der dessen Schleimhaut hochgradig geschädigt wird. Magen-Darm-Entzündungen und hochgradigen Diarrhoen, oft auch mit tödlichem Verlauf durch ein bereits geschwächtes Immunsystem im Winter, sind die Folge. Eine Studie der Veterinär Universität Wien aus 2019 (Ricci et al, 2019) untersuchte die mikrobielle Pansenflora gefütterten Rehwildes erstmals und bestätigt mit ihrem Ergebnis die Erkenntnisse vorausgegangener Untersuchungen (Deutz et al, 2009): „Einfach fermentierbares Futter trägt dazu bei, die mikrobielle Zusammensetzung im Pansen in eine Richtung zu verlagern, die den anerkannten pathologischen Zuständen einer subakuten Pansenazidose des Rindes ähnelt.“ (Ricci et al, 2019) . Der hohe Stellenwert des richtigen Futtermittels sei somit nicht anzuzweifeln.
 

Die richtige Alternative

Wie sollte ein artgerechtes Rehwildfutter demnach aussehen? Um qualitativ einwandfreies und unbedenkliches Futter ausbringen zu können, sind kurze Transportwege und korrekte Lagerhaltung zwingend erforderlich. Die Herkunft der beinhalteten Rohstoffe sollte im besten Fall regional und nachvollziehbar sein. Ansonsten besteht die Gefahr von einer hohen Mykotoxinbelastung (Schimmelpilze).  Zudem muss das angebotene Futter einen hohen Rohfasergehalt aufweisen damit die Wiederkäuaktivität gesteigert wird und somit mehr Speichel produziert werden kann.

Das Futter sollte einen Rohfaseranteil von mindestens von 14 – 16 % aufweisen (Bergler et al, 2014). Damit scheiden viele auf dem Markt erhältlichen Futter bereits aus. Zudem sollte die enthaltene Rohfaser eine Partikellänge von mindestens 1 cm betragen und der Eiweißgehalt maximal 15 % (Deutz, 2014). Denn das Ziel sollte auf keinen Fall eine Nährstoffüberversorgung, sondern eine bedarfsdeckende und an das saisonale Angebot angepasste Fütterung sein.

All diese Punkte erfüllt Wildstruktur- artgerechtes Rehwildfutter aus dem bayrischen Alpenvorland. 
 
Antonia Triebig, Bsc. Agrarwissenschaften
Dezember 2020, © AGROBS GmbH

  • Dr. Armin DEUTZ, „Rehe: In der Notzeit richtig füttern“, https://www.jagderleben.de/praxis/rehe-notzeit-richtig-fuettern (abgerufen am 03.09.2020)
  • Sara RICCI, Robin SANDFORT, Beate PINIOR, Evelyne MANN, Stefanie U. WETZELS, Gabrielle STALDER, "Impact of supplemental winter feeding on ruminal microbiota of roe deer Capreolus capreolus," Wildlife Biology, 2019(1), 1-11, (18 September 2019)
  • DEUTZ, A., GASTEINER, J., BUCHGRABER, K. (2009): Fütterung von Reh- und Rotwild. Leopold Stocker-Verlag, Graz-Stuttgart
  • Ralph MÜLLER-SCHALLENBERG, Philipp Hubertus FÖRSTER, (2007): „Das Verhältnis von Jagd und Tierschutz – Einheit oder Widerspruch?“, Natur und Recht, 29: 161–165, DOI: 10.1007/s10357-006-1166-x
  • Sara RICCI, Robin SANDFORT, Beate PINIOR, Evelyne MANN, Stefanie U. WETZELS, Gabrielle STALDER, "Impact of supplemental winter feeding on ruminal microbiota of roe deer Capreolus capreolus," Wildlife Biology, 2019(1), 1-11, (18 September 2019)
  • Franz BERGLER, Marjan DAVID, Josef ERBER, Franz GAHR, Hans GASTEINER,Klaus HACKLÄNDER, Erich KLANSEK, Alexander LEITNER, Reinhard RESCH, Georg ROTHMANN, (2014), „Rehwild füttern! Wenn ja, dann richtig!“, https://www.vetmeduni.ac.at/fileadmin/v/fiwi/Publikationen/Populaerwissenschaftliche/Klansek_Landwirt_Sonderbeilage_2.pdf
  • Dr. Armin DEUTZ, (2014), „Wildfütterung – warum, wann, wie?“, https://www.ooeljv.at/wp-content/uploadsv/2014/05/Wildf%C3%BCtterung-handout-O%C3%96-2014.pdf