Das Immunsystem des Pferdes

Der beste Schutz vor Krankheiten und äußerlichen Einflüssen ist ein intaktes Immunsystem. Viele Pferdebesitzer wünschen sich dies für ihre Pferde und möchten deren Abwehrkräfte verbessern. Doch aus was besteht eigentlich das Immunsystem und wodurch können die Abwehrkräfte geschwächt oder gestärkt werden? Wie äußert sich eine Schwächung des Immunsystems und was passiert, wenn die Immunabwehr überreagiert?

Aus was besteht das Immunsystem?

Die Abwehr des Körpers von Infektionserregern wie beispielsweise Bakterien, Viren, Pilzen oder Parasiten erfolgt durch das Immunsystem. Dadurch wird der Körper vor Infektionen geschützt. Auch für die Beseitigung von entarteten und sterbenden Zellen ist die Immunabwehr zuständig.

Dieses körpereigene Abwehrsystem besteht aus dem angeborenen sowie dem erworbenen Immunsystem. Die angeborene Immunabwehr ist für die sofortige Erkennung und Bekämpfung von Krankheitserregern verantwortlich. Sie wird bereits im Mutterleib ausgebildet, damit sie direkt nach der Geburt zur Verfügung steht. Nachdem eine körperfremde Struktur (= Antigen) erkannt wird, kommt es direkt zu einer stets gleichbleibenden, nicht angepassten, Immunreaktion.

Das erworbene Immunsystem wird erst einige Tage nach der Infektion durch die angeborene Immunabwehr aktiviert. Es bildet im Gegensatz dazu ein „immunologisches Gedächtnis” aus, wodurch die Abwehrmechanismen verbessert werden können. Diese erworbene Immunabwehr passt sich somit ständig an die Umwelt an.

Junge Fohlen kommen mit nur geringen Mengen an Antikörpern für die körpereigene Abwehr auf die Welt. Dadurch sind sie noch nicht in der Lage, sich in den ersten Lebenswochen vor Infektionen zu schützen. Eine ausreichende Aufnahme der Kolostralmilch (= die erste nach der Geburt abgegebene Milch, auch Biestmilch genannt) von der Mutterstute in den ersten Lebensstunden ist aufgrund der darin enthaltenen Antikörper überlebenswichtig.

Was beeinflusst das Immunsystem?

Neben einer artgerechten Haltung, regelmäßiger Bewegung sowie einer guten Gesundheitsvorsorge beeinflusst auch die Fütterung das Immunsystem.  Als Pflanzenfresser ist das Pferd auf eine ausreichende Versorgung mit Raufutter angewiesen. Die Verdauung von Pflanzenbestandteilen, die körpereigene Enzyme nicht abbauen können, findet im Dickdarm durch die dort ansässigen Mikroorganismen (=Darmflora) statt. Der Dickdarm des Pferdes ist vergleichbar mit einer großen Gärkammer. Insbesondere bei der Fütterung großer Mengen an stärkereichem Kraftfutter, aber auch verdorbenem Futter, kann es zu Fehlgärungen sowie einer sogenannten Dysbiose kommen. Bei einer Dysbiose handelt es sich um eine starke Veränderung der Zahl, Zusammensetzung, Lokalität und Aktivität der Darmflora. Dies kann die Ursache für schwerwiegende Verdauungsstörungen sein. 

Der Magen-Darm-Trakt besitzt ein eigenes immunkompetentes Lymphgewebe zur Infektabwehr. Auch dienen die Mikroorganismen des Darms in Kombination mit dem darmassoziierten Immunsystem sowie den anatomischen Strukturen als Schutzbarriere.  Einerseits wird dafür gesorgt, dass Nährstoffe durch die Darmwand aufgenommen werden können. Andererseits muss sichergestellt werden, dass Krankheitserreger die Darmwand nicht passieren können. Zusätzlich schützen Speichel und Magensaft den Körper vor Erregern.  

Zur Förderung der Gesundheit werden häufig Probiotika beim Pferd eingesetzt. Probiotika werden als lebende, nicht-krankheitserregende Mikroorganismen, die einen gesundheitlichen Vorteil bringen, wenn sie in ausreichender Menge aufgenommen werden, definiert. Hierbei handelt es sich in der Regel um Hefen der Gattung Saccharomyces.  

Probiotische Produkte sollen die Darmflora stabilisieren und dadurch auch das Immunsystem positiv beeinflussen. Aufgrund der derzeit noch fehlenden experimentellen Beweise ist bisher jedoch noch unklar, ob dieser Nutzen tatsächlich gegeben ist. Denn auch andere Faktoren wie die Rationsgestaltung, die Hygienebedingungen, das Leistungsniveau und das Tieralter sowie der ursprüngliche Status der mikrobiellen Besiedelung des Darms können einen Einfluss hierauf haben.  

Mit Präbiotika bezeichnet man Substanzen, die im oberen Verdauungstrakt nicht verdaut oder aufgenommen werden können und erst durch die Mikroorganismen im Darm fermentiert werden. Dadurch soll das Wachstum von erwünschten Mikroorganismen gefördert und von ungewünschten Mikroorganismen gehemmt werden. Zu den Präbiotika zählen Frukto- und Mannan-Oligosaccharide sowie Inulin. Auch hinsichtlich des Einsatzes von Präbiotika beim Pferd bedarf es zukünftig weitere Untersuchungen, um feststellen zu können, ob dies die Darmgesundheit wirklich fördert.  

Neben einer adäquaten Raufutterversorgung mit qualitativ hochwertigem Heu oder Heulage sollte darauf geachtet werden, dass die Pferde bspw. durch die Fütterung eines Mineralfutters ausreichend mit Spurenelementen und Vitaminen versorgt sind und es nicht zu Mangelerscheinungen oder Überversorgungen kommt.  

So kann ein Mangel an Zink beispielsweise zu einer erhöhten Infektionsneigung führen. Wichtig für die Abwehrkräfte des Pferdes ist zudem das Spurenelement Selen, da es neben Vitamin E als Antioxidans fungiert und so die Zellmembranen vor schädlich wirkenden Peroxiden schützt. So kann bereits ein geringfügiges Defizit an Selen eine Schwächung der Infektionsabwehr nach sich ziehen. Ein kombinierter Mangel an Vitamin E und Selen kann sogar dazu führen, dass die Antikörperbildung abnimmt. Neben einem Mangel an verschiedenen Spurenelementen, kann sich aber auch ein Vitaminmangel negativ auf die Abwehrkräfte auswirken.   

Eine ungenügende Aufnahme von Vitamin A kann zu einer erhöhten Infektanfälligkeit der Haut sowie dem Verdauungsapparat, Atmungs-, Harntrakt, Geschlechtsapparat oder auch im Bereich des Bindehautsackes am Auge führen. Ein solcher Vitamin A-Mangel kann eine Verhornung zur Folge haben, wodurch die Sekretion der vorhandenen Schleimdrüsen abnimmt.  

Bei den wasserlöslichen Vitaminen ist ein Mangel normalerweise selten. Sie werden in der Regel in ausreichender Menge von der Darmflora hergestellt oder sind in ausreichender Menge im Futter enthalten. Jedoch kann es zu Mangelerscheinungen nach dem Absetzen, wenn die Darmflora noch nicht vollständig ausgereift ist, kommen. Zudem können auch Durchfall, Fütterung von verschimmeltem Futter, rohfaserarme Futterrationen, abrupte Futterumstellungen oder die Gabe mancher Medikamente zu einem Defizit an wasserlöslichen Vitaminen führen. Ein solcher Multivitaminmangel zeigt sich allerdings eher unspezifisch. Auch das wasserlösliche Vitamin C wird normalerweise in ausreichend großer Menge vom Pferd selbst hergestellt. Jedoch kann es hilfreich sein bei Stress, Atemwegsinfektionen oder allgemeiner Leistungsschwäche zusätzlich Vitamin C zu verabreichen. 

Der Fütterung von Omega-3-Fettsäuren wird entzündungshemmende Eigenschaften zugesprochen. Die Gabe ungesättigter Omega-3-Fettsäuren, insbesondere EPA (Eicosapentaensäure) und DHA (Docosahexaensäure), kann bei Pferden zudem dazu beitragen, chronische Entzündungen wie Osteoarthritis, das Equine Metabolische Syndrom (EMS) und Hufrehe zu lindern. Insbesondere Leinöl sowie Öle von Seetieren liefern solche Fettsäuren. Bei EMS und Hufrehe ist jedoch zu beachten, dass auch omega-3-reiche Öle eine sehr hohe Energiedichte haben und so Übergewicht fördern können. “Kosten und Nutzen” der Fettsäuren muss man in diesen Fällen daher sehr genau abwägen und die Ergänzung ist in der Fütterungspraxis bei EMS und Hufrehe in der Regel nicht zu empfehlen.  Des Weiteren ist bekannt, dass sich auch negativ empfundener Stress (= Distress) negativ auf das Immunsystem auswirken kann. Bekannte negativ empfundene Stressfaktoren können beispielsweise das Mischen unbekannter Tiergruppen, Transport von Tieren, soziale Isolation sowie Kälte- und Hitzestress sein.  Positiv empfundener Stress (= Eustress) kann hingegen immunstimulierend wirken.  

Wie äußert sich eine Immunschwäche? 

Eine Immunschwäche, welche neben Nährstoffmängeln auch durch Medikamente oder Erkrankungen verursacht werden kann, zeigt sich häufig durch Anfälligkeit für Infektionskrankheiten sowie allgemeiner Leistungsschwäche. 

Wenn das Immunsystem überreagiert?  

In der Regel verhindern Rückkopplungsmechanismen eine zu starke oder auch fehlende Aktivierung des Immunsystems. Jegliche Störung der verschiedenen Regulationsmechanismen des Immunsystems kann zu Autoimmunerkrankungen, zur Entstehung von Allergien aber auch zu einer erhöhten Infektanfälligkeit sowie Immundefizienz führen. 

Unter einer Allergie versteht man eine spezifische Überreaktion des Immunsystems auf eine dem Körper fremde, aber harmlose, Substanz. Bei dieser Überreaktion wird diese Substanz zum sogenannten Allergen.  

Ein sogenannter „Quaddelausschlag“ (= Urtikaria) auf der Haut kann allergisch bedingt sein. Meist wird so ein Ausschlag durch Insektenstiche oder Brennnesselkontakt hervorgerufen. Er kann aber auch fütterungsbedingt entstehen. Wenn der Verdacht besteht, dass die Reaktion durch ein Futtermittel verursacht wurde, kann man nach Rücksprache mit dem behandelnden Tierarzt/der behandelnden Tierärztin eine Ausschlussdiät machen.  

Eine der bekanntesten Allergien des Pferdes ist das Sommerekzem. Auch bei der Ursache von Equinem Asthma des Pferdes spielen neben einer hohen Staubbelastung sowie einer familiären Häufung spezifische Allergene eine wichtige Rolle.

Bei Autoimmunkrankheiten reagiert der Körper auf körpereigene Stoffe (Proteine). Zu den Autoimmunerkrankungen beim Pferd zählen beispielweise der Pemphigus-Komplex (Pemphigus foliaceus und Pemphigus vulgaris), Equine Sarkoidose sowie die immunvermittelte Myositis. Eine Therapie von Autoimmunerkrankungen und Allergien besteht meist aus der Gabe von Kortikosteroiden zur Unterdrückung dieser überschießenden Immunreaktion. Bei Allergien führt eine Vermeidung der verursachenden Allergene zur Symptomlinderung. Auch kann zudem eine Desensibilisierung Linderung verschaffen. 

Dr. med. vet. Katharina Martin
Dezember 2023 ©AGROBS GmbH


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